Liebe Leute,

nun sind wir wieder eines noch Schlechteren belehrt worden. Thüringen… Fassungslos war ich. Entsetzt war ich. Fast sprachlos – obgleich dringend Worte zu finden waren und sind. Doch wenn sich Demokraten der Lächerlichkeit preisgeben, dann, ja dann fällt es schwer, Contenance und mithin die Gemütsruhe zu wahren. Das Geschehen: ein Tragödie. Sie hält an. 

Und ich muss an Aristoteles denken – besser: an die Funktion, die der griechische Universalgelehrte dieser Form des Dramas zuwies. Demnach führt die Tragödie zur emotionalen Erschütterung: Jammern (eleos) und Schaudern (phobos) sind indessen nach Aristoteles die Grundlage für die Reinigung der Seele… 

Gemeinsam Flagge zeigen!

Und so bin ich froh: Vielen ging es so wie mir. Viele zeigten schnell Flagge. Gut so. Richtig so. Denn nur gemeinsam und mit der Stärkung jener, die den Rechten nicht weichen, wird die Herausforderung zu meistern sein. 

Herausforderung? Leider ja. Denn – und man/frau muss es offenbar immer wieder aufschreiben, weil manche es noch immer nicht verstanden haben: Die Rechten wollen das Ende der weltoffenen Gesellschaft. Die Rechten wollen das Ende der liberalen Demokratie. Die Rechten wollen den Geist der Aufklärung und die damit verbundenen Werte zermalmen. 

Ein FDP-Mann, ein Liberaler, lässt sich zum Ministerpräsidenten küren – von Rechtsaußen unter Führung der Dunkelgestalt des rechtsnationalen Flügels, der vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall eingestuft ist. Und er lässt sich von Höcke gratulieren! Und ob Höcke oder Meuthen: Sie feixen und reiben sich die Hände und fabulieren vom „ersten Mosaikstein der politischen Wende“ und dem Sieg der bürgerlichen Mitte… 

Peinlich und lächerlich

Wie peinlich für alle, denen Demokratie mehr ist als nur ein Wort. Wie lächerlich für alle, die mit ihren Machtspielchen dazu beigetragen haben. Wie traurig für alle, die Politik noch immer für ein sachorientiertes, rationales Werkzeug halten, um das Zusammenleben zu organisieren. 

DAS ist für mich das wirkliche Drama, die Tragödie schlechthin: Demokraten lassen sich von zum Teil faschistoiden Typen vorführen! Schlimmer noch: Es gibt zahlreiche Indizien der Absprache. Und wer hinterher sagt, es nicht gewusst oder geahnt zu haben, dem fehlt es (auch) an Professionalität. Man wusste spätestens morgens, was mittags passieren könnte – und dann so kam. 

Versagen der Demokraten

Doch das Drama hat nicht in dieser Woche begonnen, sondern währt schon lange – und verstärkt seit den Wahlen im Osten: In den ostdeutschen Landesverbänden der CDU gibt es durchaus starke Kräfte, die sich gegen die Ausgrenzung der AfD wenden – sie wollen kooperieren, teils koalieren. Und ein bei den Menschen beliebter Politiker wie Bodo Ramelow, den man eher für einen Sozialdemokraten halten könnte, wurde in durchaus jämmerlichen taktischen Spielchen fast schon zur Ausgeburt eines Stalinisten stilisiert. Ja, man muss seine Politik gar nicht mögen. Aber man muss erstens selbst wissen, wo man steht, und muss zweitens wissen, was realpolitisch geboten ist.

Auch dieses Versagen dokumentiert sich in der Tragödie von Thüringen. Es schmerzt. Ja, es tut richtig weh. Trotz der Heilung, die zumindest in Sichtweite ist. Katharsis… – vielleicht erreicht die Reinigung der Seele auch die Köpfe. Ganz im Sinne von Aristoteles.