Liebe Leute,

vielleicht muss man es schlicht als digitales Kommunikationsversagen bezeichnen. Die AfD beherrscht die sogenannten sozialen Medien, vor allem Facebook – und die anderen Parteien hinken weit abgeschlagen hinterher. Das beschriebene digitale Versagen ist gefährlich – nicht nur für die Debattenkultur, sondern für die humanitär und freiheitlich geprägte Demokratie. Die Ursachen? Dazu gleich später.

Zunächst: Interessant, aufschlussreich und fast schon bezeichnend für das Debakel ist, dass derzeit kaum ein Tag vergeht ohne Klageworte über das beschriebene Phänomen. Denn: Es ist Wahlkampf. Immerhin: Das Problem ist endlich erkannt worden. 

Denn sage und schreibe 85 Prozent aller Beiträge, die von Parteien in den sozialen Netzwerken weiterverbreitet werden, stammen von Rechts oder Rechtsaußen – so eine Studie laut „Spiegel“. Zudem, so eine andere seriöse Quelle: Die geneigte oder nicht geneigte Leserschaft kann oft gar nicht erkennen, dass die AfD dahintersteckt. 

Erfolg mit Negative Campaigning

Hetze, verächtlich machende Posts, mal offen ausländerfeindlich, teils mit rassistischem Anklang – so kommen die Rechten daher, und machen mal „das System“ oder die „Altparteien“ madig. „Negative Campaigning“ nennt sich das. Und es ist erfolgreich – vor allem im Osten. Und man lernt schnell – etwa von der Lega Nord in Italien. Denn längst sind die Rechten miteinander vernetzt. Auch darüber wird endlich intensiver berichtet. 

Doch wie kam’s zu diesem Versagen? Für mich gibt es zwei zentrale Ursachen: das Alter jener, die heute (noch) den Kurs bestimmen – und deren Orientierung an Tageszeitungen. Beides führt zu massiven Fehleinschätzungen. 

Zum Ersten: Der Generationswechsel geht in der Politik langsamer vonstatten als etwa in der Wirtschaft. Aus zahlreichen Gesprächen mit heute großteils an entscheidenden Stellen agierenden Politikern weiß ich, dass man zum Beispiel mit Facebook nichts zu tun haben will und höchstens das Nötigste für eine Präsenz tut – aber leider auch häufig das Falsche.

Niedergang der Tageszeitungen

Zum Zweiten: Die Tageszeitungen haben in etwas mehr als einem Vierteljahrhundert rund die Hälfte ihrer Auflage verloren auf leider nur noch 15,5 Millionen. Die Hälfte! Will heißen: Man erreicht mit seiner Kommunikation in Print immer weniger Menschen. Aber: Politik orientiert sich noch immer daran, was in der Zeitung steht. Was dort nicht steht, gibt’s nicht. Dazu tragen auch die sogenannten Pressespiegel bei, die Politikern morgens serviert werden – ausschließlich gefüttert mit Berichten aus Tageszeitungen, die zudem geprägt von den filternden Nachrichtenagenturen sind.

Natürlich gibt es reichlich Aspekte, mit denen sich eine Zurückhaltung begründen lässt. Aber wer Wahlen gewinnen will, kann sich diese Abstinenz nicht (mehr) leisten. Und den Rechten das Feld überlassen? Das ist die schlechteste Variante. Gegenhalten! Und vor allem: kampagnenfähig werden. Wie das geht? Die AfD macht’s vor.