Liebe Leute,

Hass, Wut, Fake-News in der Öffentlichkeit – noch vor wenigen Jahren in dieser Form undenkbar. Wie rasant sich die (politische) Kommunikation doch verändert hat… – höchst bedenklich dieses Siechtum der Wahrheit.

Ich musste dieser Tage über mich selbst schmunzeln: Als Lehrbeauftragter an einer Hochschule sitze ich regelmäßig mit Studenten im Rahmen eines Projekts über den Medienwandel zusammen. Die Studenten erledigen ihre Aufgaben richtig gut – und haben mir selbst (wieder) vor Augen geführt: In noch nicht einmal zwei Jahrzehnten ist’s radikal anders geworden. Zur Jahrtausendwende waren gerade einmal vereinzelt nur ganz wenige Anbieter wie etwa Spiegel Online oder ka-news im Netz – mit aus heutiger Sicht rudimentären Auftritten.

Kein Durchatmen mehr

Und heute? Online-Medien, sogenannte soziale Medien – massenhaft. Es wird berichtet, gewertet und kommentiert so gut wie ohne Unterlass. Kein Durchatmen mehr. Eilig, ja oft hektisch, immer die Nase im Wind und bestmöglich natürlich zuerst. Mir scheint, dass Gründlichkeit und Wahrhaftigkeit auch in der Publizistik gar nicht selten gleich mit unter die Räder des rasenden Info-Fetzen-Turbo-Zugs geraten. 

Und während wir in der Hochschul-Projektgruppe auch exakt darüber reden, fragt mich ein Student nach Leserbriefen in Zeitungen und den redaktionellen Umgang in Zeiten von fast selbstverständlich erachteten Pseudonymen. Ich habe etwas über den Pressekodex erzählt, dieses wahrlich wunderbare Werk, das Journalisten zumindest in den wichtigsten Grundfragen ein ethisches Fundament für die publizistische Arbeit bietet. 

Menschenwürde wahren

Zu den Leserbriefen steht da etwa, dass der Abdruck nach „allgemeiner Übung“ mit vollem Namen zu erfolgen hat. Ferner sind die „publizistischen Grundsätze“ zu beachten. Und auch Leserbriefe dienen der „wahrhaftigen Unterrichtung der Öffentlichkeit“. 

Dazu zählt: Auch Leserbriefe sind mit der „gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen“. Will heißen: Tatsachenbehauptungen sind zu überprüfen. Sind die behaupteten „Tatsachen“ falsch, soll der Leserbrief nicht veröffentlicht werden. Warum? Das findet sich im Kern in Ziffer 1 des Pressekodex: „Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse.“

Sehnsucht nach „alter“ Welt

Hass, Wut, Fake News? Würden in den Online Medien und vor allem in den sogenannten sozialen Medien die oben genannten publizistischen Grundsätze gelten, dann… ja dann gäbe es mehr Wahrheit in der Welt. Und ich gestehe: Bei aller Freude über die neuen Kommunikationsformen und den damit verbundenen Chancen – ich wünsche mir manchmal die „alte“ Welt zurück. Jedenfalls braucht es Normen und Gebote fürs Netz.