Liebe Leute,

wir sind Kurstadt. Wirklich? Ab Februar steht’s bei 38 Heilbädern und Kurorten in Baden-Württemberg auf dem Ortsschild – in Baden-Baden nicht. Schlimm? Das allein nicht – aber anderes.

Aufhebens machen wegen Petitessen, also Kleinigkeiten – das ist in diesen, unseren Zeiten ja auch publizistisch sehr beliebt. Deshalb gerät das Große, das wirklich Wichtige aus dem Blick. Das ist im Leben so, in der Politik so – und natürlich auch in unserem Städtl. 

Die neuen Ortsschilder sind Teil einer Kampagne des Heilbäderverbands Baden-Württemberg. „Staatlich anerkanntes Heilbad“ könnte in Baden-Baden über dem Namen stehen. Tut’s aber nicht: Die Stadtverwaltung hat’s auf Anfrage des Heilbäderverbands zwar „in Erwägung“ gezogen. Doch man will warten – unter anderem auf das Ergebnis der vorgeschriebenen Messungen der Luftqualität. 

Dramen: Luft und Wasser

Das nun wiederum erinnert mich an etwas, das ich durchaus als katastrophal für eine Kurstadt empfand: Im Jahr 2011 – also vor neun Jahren – verlor Baden-Baden das Zusatzprädikat „geeignet für Atemwegserkrankungen“. Warum? Dicke Luft in der Innenstadt unter anderem wegen der vielen Diesel-Busse. Den Verlust dieses Prädikats haben Verwaltung u n d Gemeinderat damals öffentlich: totgeschwiegen. Gerade so, als löste sich das Problem in Luft auf – um im Bild zu bleiben…

Oder erinnern wir uns an das öffentlich aufgeführte Drama um das Arsen im Thermalwasser: Brunnen aus, Brunnen wieder an, Brunnen lauwarm, Schilder dran… Und der Ursprung dieser Peinlichkeiten war nicht etwa eine Folge von öffentlich erörterten Entscheidungen.  Es bedurfte akribischer Recherchen, bis klar war: geheime Kommandosache eines kleinen Kreises… 

Gefahren wahrnehmen

Und damit zurück zum Anfang dieser Geschichte. Die Sache mit dem Schild ist „nur“ ein weiteres Indiz für eine Entwicklung, die ich als vieljähriger Beobachter für grottenfalsch und ja, auch für gefährlich halte: Je mehr in die glänzende Historie geschaut wird (siehe Welterbe-Bewerbung), desto mehr bekommt „die“ Kurstadt in der Gegenwart nicht mehr die ihr gebührende Bedeutung.

Kurstadt sein – das muss gelebt werden. Kurstadt sein – das ist Verpflichtung zum Bewahren. Kurstadt sein – das ist aber auch Zukunftsfähigkeit!

Diese Zukunft ist weit mehr als das Thermalwasser, das Gold dieser Stadt. Aber diese Zukunft kann als Kurstadt nur in der ganz besonderen Achtung vor der wunderbaren Natur – und wenn man will: der Schöpfung – liegen. DAS war der Markenkern in der Historie. Und heute?

Klasse statt Masse – das galt früher. Heute scheinen mir die Grenzen des Wachstums (auch) in Baden-Baden überschritten zu sein. Wer unaufhörlich wächst, zerstört sich irgendwann selbst – und zwar dann, wenn die Gefahren ignoriert werden. Ein Beispiel (unter vielen): der Verkehr. 

Ja, Angst frisst Seele auf – Erfolg aber auch. Es braucht Schutz – für die Kurstadt.