Liebe Leute,

die Seele der Ostdeutschen – publizistisch läuft’s oft falsch. 

Ich erinnere mich noch gut an meine Besuche – „drüben“ bei der Verwandtschaft. Neben all’ dem Grau in Grau blieb ein Gefühl haften – nämlich jenes, nicht frei atmen zu können… 

Die vermeintliche Tiefenanalyse hat ja schon im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg begonnen, um danach angesichts der AfD-Erfolge bisher ungekannte Höhen (und Tiefen) zu erreichen. Und so sehr ich Verständnis habe für jene, die unter Brüchen zu leiden hatten und haben, und so sehr ich verstehe, dass man sich über Einkommensunterschiede ärgert, und so sehr ich verstehe, dass man infrastrukturelle Schwächen scheußlich findet – unerträglich und nicht verzeihlich ist, deshalb die Rechtsaußen zu wählen.

Doch die große Mehrheit hat’s nicht getan. Deshalb ist die ständige publizistische Fokussierung auf die Rechtsausleger ein Fehler und droht jene nur noch stärker zu machen. 

Rechte und auch Linke suhlen sich…

Jene suhlen sich nämlich (auch) gerne in der Opferrolle. Doch nicht nur sie! Auch ganz Linke tun das. Opfer sein – das ist ein sehr beliebtes Muster. Die „Zeit“ schreibt: „Womöglich haben sich Realität und Wahrnehmung entkoppelt.“ Ja!

Wenn 41 Prozent laut einer „Zeit“-Umfrage sagen, dass die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung seit der Wende schlechter geworden ist oder sich kaum verändert hat und 58 Prozent meinen, dass der Schutz vor staatlicher Willkür schlechter geworden ist oder sich kaum verändert hat – dann gleicht das der Realität ungefähr so wie das Eichhörnchen dem Elefanten. Wer heute im Osten seine Meinung sagt, landet nicht mehr im Bau.

Darauf hinzuweisen, scheint notwendig zu sein. Ebenso: Natürlich wurden bei der Vereinigung auch Fehler gemacht. Doch erstens war Eile geboten. Und zweitens: Die Vereinigung von zwei Staaten – schlicht einzigartig und mithin ohne Vorbild.

DDR kein Widerstandsnest

Der sogenannte Arbeiter- und Bauernstaat war von einer Demokratie so weit entfernt wie die Sonne vom Mond – und zudem wirtschaftlich in den Grundfesten marode. Das tolle Sozial- und Rechtssystem der DDR? Betreuung von der Wiege bis zur Bahre… Ja, aber eben bitteschön linientreu… Und auf Linie waren viele. Die DDR war ja kein Widerstandsnest. Und deshalb gab es nicht nur Freude über die Vereinigung – und das hält sich bis heute. Man vergisst das leicht! Genauso wie dies:

Dringend geboten ist, auch auf die Erfolge (private wie öffentliche) hinzuweisen. Im Osten sind tatsächlich vielerorts blühende Landschaften entstanden – durch einen Kraftakt sondergleichen, den die Westdeutschen so ziemlich ohne Murren mitgetragen und mitfinanziert haben. Und es gäbe und gibt so viele Erfolgsgeschichten von Menschen zu erzählen! 

Blind auf westdeutschem Auge

Aber wer – wie es derzeit üblich ist – nur im Osten nach darbenden Landschaften und leidenden Menschen sucht, macht den nächsten Fehler. Denn: Man gehe doch mal ins Ruhrgebiet… Oder ins Saarland… Auch dort gibt es Menschen, die den Strukturwandel nicht gepackt haben. Auch dort gibt es Menschen, deren Identität gelitten hat, die sich nicht mehr wohlfühlen, die sich missachtet fühlen. Soziale Unwucht gibt’s überall.

Aber: Wer auf dem westdeutschen Auge blind ist, mag sich im Osten einschmeicheln können. Helfen tut’s nicht.