Liebe Leute,

die leisen Töne setzen sich in der öffentlichen Debatte selten durch. Auch dann nicht, wenn – wie oft befürchtet wird – Europa und mithin die westlichen Demokratien durch Populisten und Nationalisten zu wackeln beginnen. Man schiebt sich gegenseitig die Schuld in die berühmten Schuhe – und wer sich politisch rechts verortet, muss in die Ecke. So wird das nichts!

Kürzlich bin ich auf eine wissenschaftliche Analyse gestoßen, die ich für sehr überzeugend halte: Ronald Inglehart und Pippa Noris zählen zu den international renommiertesten Politikwissenschaftlern – und sie sind bei ihrer Untersuchung von europäischen Parteien in 31 Ländern zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen wie jene, die den Triumph von Trump erklären.  

Demnach haben Globalisierung und Digitalisierung in der Arbeitswelt gravierende Spuren hinterlassen. Soziale und ökonomische Ungleichheit sind die Folge. Die Unzufriedenen wählen schließlich jene, die versprechen, es künftig anders zu machen. Das ist These 1.

These 2: Ebenfalls rasant hat sich ein kultureller Wandel vollzogen. Wem ein traditioneller, sehr konservativer Wertekanon von Gesellschaft und Familie innewohnt, fühlt sich gewissermaßen nicht mehr heimisch. Und wählt jene, die (vermeintlich) diese „alten“ Werte vertreten. 

Eher alt, eher religiös, eher ländlicher Herkunft, weniger gebildet, meist männlich – mit autoritären Werten. Das sind jene, die Populisten wählen.

Menschen mögen Unsicherheit nicht

Für ziemlich überheblich hielte ich jedoch, die Wähler dieser Populisten einfach nur zu geißeln. Der Sozialpsychologe Ulrich Wagner hat dieser Tage in der „Zeit“ festgestellt: „Menschen mögen Unsicherheit nicht.“ Wie wahr! Doch viele glauben eben, dass der Rückzug auf die eigene Nation und die so sehr geschätzte Heimat gegen „das Fremde“ eine Antwort wäre – auf all’ das, wovor sie sich fürchten. Etwa den Verlust des Arbeitsplatzes. Oder den Schwund geliebter Traditionen. 

Ökonomisch oder kulturell geprägte Erklärungsansätze – beide bieten jedenfalls genügend Substanz für eine differenzierte Debatte. Doch dabei darf es nicht bleiben: Es bedarf einer klugen Wirtschafts- und Sozialpolitik genauso wie einer von humanistischen Werten geprägten Gesellschaftspolitik ohne Ausgrenzung.   

Und gegen die Protest-Kultur von Rechts hilft zudem ganz gewiss: Schon in der Schule muss wieder mehr klargemacht werden, wie wunderbar es ist, in einer freiheitlichen Demokratie leben zu dürfen. Und es schadet nicht, diese grundlegende Tatsache immer und immer wieder auch in der öffentlichen  Debatte kundzutun. Denn das, was wir als selbstverständlich erachten, ist genau das nicht. Etwas Besseres gibt es nicht.