Liebe Leute,

Gino ist ein älterer Herr. Gino ist galant. Gino ist zuvorkommend. Gino ist nett. Gino ist – politisch rechts. Weit rechts. Das weiß ich jetzt. 

Seit Jahren werde ich in Ginos kleiner Osteria mit den Worten begrüßt: „Ah, Signore Fritsche, Baden-Baden ist wieder da.“ Es ist meine zweite Heimat geworden. Ankommen. Wohlfühlen. Gino hat mich in die wunderbare ligurische Welt der Speisen und Getränke eingeführt. Gino produziert Bio-Olivenöl. Gino produziert Bio-Limoncello. Gino hat mich in sein Haus eingeladen. Gino hat mir seinen Garten gezeigt. Gino ist längst im Herz. Gino ist – politisch rechts. Weit rechts. 

Am vergangenen Wochenende: Gino fragt mich, was ich von der deutschen Regierung halte. Ich zeige mich skeptisch. Sofort setzt Gino an – voll des Lobes für Matteo Salvini, seit Juni Innenminister, stellvertretender Ministerpräsident Italiens und rechtspopulistisch-fremdenfeindlicher Propagandist der Lega Nord. Gino ein Anhänger dieses provozierenden Rechtsauslegers… Mir bleibt der Bissen im Halse stecken. Etwas verächtlich weicht prustend Luft durch meine Lippen. Ich muss rauchen – und gehe vor die Tür.

„Verbrecher und faule Äpfel“

Leicht erholt vom Schrecken, schleiche ich zurück an den Tisch im Restaurant. Gino erzählt von „Verbrechern“ und „faulen Äpfeln“ (womit er Kommunisten genauso meint wie den Sozialdemokraten Renzi), die das Volk ausgeraubt hätten und nun von den „jungen Leuten“ weggeräumt würden. Gino erzählt von den Flüchtlingen in Italien, die niemand will – auch Deutschland nicht. Ich sage: „Wir haben doch ganz viele aufgenommen.“ Gino winkt ab. Ich versuche es auf einem anderen Feld: „Italien ist mit 130 Prozent seines Bruttosozialprodukts extrem verschuldet und will dennoch viel mehr Geld ausgeben.“ Gino: „Das stimmt nicht.“ Ich zeige ihm die amtliche Statistik. Gino: „Das stimmt nicht. Es gibt etwas, das unter der Erde wächst…“ 

Ich nippe an meinem Grappa, schweige und denke: Wenn Fakten nicht mehr zählen, ist das Gespräch am Ende. Das merkt auch Gino – und bedient andere. Später verabschieden wir uns freundlich: „Bis bald.“ 

Zweierlei weiß ich seitdem noch gewisser als zuvor: Politik versagt, wenn Lösungen nahe bei den Menschen ausbleiben. Dann werden zunächst Komiker gewählt (wie in Italien). Dann auch Rechte (wie in Italien und anderswo). Lustig ist beides – nicht. Und Gino? Ist ein lieber Mensch.