Liebe Leute,

es ist ein Luxus ohnegleichen: Ich sitze und schaue, rieche, schmecke. Oder wandere Kilometer um Kilometer – Hügel hinauf, herunter, an Stränden entlang. Meist treffe ich keinen Menschen. Die Kamera meist dabei. Fotos entstehen von einem faszinierenden Land. Und ich merke: Natürlich wähle ich jene, die die Schönheit zeigen. Man ist ja irgendwie Ästhet… 

Aber, diese Fotos verzerren die Realität. Und so leiste auch ich einen Beitrag zu einer Scheinwelt – bei Instagram noch mehr als bei Facebook. Das Schöne, Tolle, Wunderbare… Gerade so, als wäre das gelebte Leben hier wie da etwas rauschhaft Herrliches… Armut? Traurigkeit? Krankheit? Gar Tod? Meist ausgeblendet.

Womöglich ist es ein (auch journalistisches) Gen: Ich muss immer dahinter gucken. Denn so wie Leben eben in Deutschland nicht schlicht toll ist, so ist das auf den Kapverden auch.

Blendwerk hier wie da…

Unaufrichtige Marketing-Menschen, am maximalen Gewinn orientierte Touristik-Konzerne und jene, die nicht wahrnehmen wollen oder können, zeichnen natürlich ein anderes Bild. Es ist mindestens schief. Das wäre in etwa so, als hielte man das Kurhaus, das Casino, die Villengebiete und all’ die (vermeintlich oder tatsächlich) Schönen und Reichen für „d a s“ Baden-Baden – es ist eben nur ein Teil, mit viel Blendwerk, aber nach außen prägend. Auch auf Instagram und Co… 

Für die Tatsache, wie falsch die gezeichneten Bilder sein können, ist die Musik ein gutes Beispiel: Ja, Musik ist ein ganz besonderer Teil der historischen kapverdischen Kultur, die auch mit der Zeit der Sklaven korrespondiert. Doch erstens singen die Menschen hier nicht ständig. Und zweitens muss man schon großes Glück haben, einer echten, nicht zu touristischen Zwecken dargebotenen Aufführung beiwohnen zu dürfen. 

Der globalisierte „Rausch“

Und nach einigen Aufenthalten auf den Kapverden traue ich mir ein Urteil zu: Ja, die Menschen hetzen hier nicht umher. Die meisten sind gelassen. Und wenn ich Fischer oder Kleinbauern mit ihren Familien vor den Häusern sitzen sehe, denke ich: So geht gutes Leben… Doch das ist der Gedanke eines Deutschen, dem es an nichts Grundlegendem fehlt. Denn: Es ist ein sehr, sehr einfaches Leben. Gerade auf den Dörfern. Und was oft so idyllisch wirkt, ist eben auch von zum Teil herber Armut geprägt. 

Die jungen Leute, zunehmend viele gut ausgebildet, sehnen sich längst nach einem ganz anderen Leben oder haben es schon, gerade die Studenten. Sie sind zumeist europäisch und westlich orientiert. Der Wandel ist da. Und im globalisierten „Rausch“ werden Traditionen schwinden – wie überall…