Liebe Leute,

früher waren wir alle reich – aber alt und verstaubt. Das war so rund um die Jahrtausendwende, als Baden-Baden finanziell am Boden lag und mit eher depressiver Grundstimmung um den richtigen Kurs stritt. Heute sind wir immer noch „reich – aber sexy“. Ein Tusch auf die Klischees. Und damit Bahn frei für ein bisschen Medienschelte.

„Baden-Baden ist reich – aber sexy“. So jedenfalls lautet der Titel eines Beitrags in der Tageszeitung „Die Welt“. Und flugs sind darauf so richtig viele in Baden-Baden stolz und sorgen für mediale Verbreitung – inklusive Verwaltung. Holla, die Waldfee! Na klar, wir, also der „einstige Kurort wird hip, die jüngere Bourgeoisie entdeckt den Klassiker für sich“, also uns. Nur, leider, leider, hat die Autorin „noch nicht dramatisch viele Hipster“ entdeckt. Aber wo „The good-good-life“ eine Marketing-Heimat hat, wird das schon noch klappen-klappen – oder? Gewiss-gewiss.

PR-Maschine läuft

Denn die Maschine läuft: „Baden-Baden, Germany’s Capital of Luxury“… So lautet der Beitrag einer Reise-Bloggerin aus Kanada, die auch der kurstädtischen Tourismusgesellschaft dankt, dass sie „my trip to Baden-Baden“ möglich gemacht hat. Im Übrigen, auch der Beitrag in der „Welt“ endet immerhin mit dem Hinweis: „Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt von Baden-Baden Kur & Tourismus“ – gepaart mit dem Verweis auf „unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit“…

Wes Brot ich ess’…

Um es mal kurz und knapp auf den Punkt zu bringen: Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing. Das ist im Kern nicht zu beklagen. Schließlich darf und muss jeder Arbeitgeber erwarten, dass seine Mitarbeiter zumindest loyal sind, im besten Fall sich aber vehement engagieren. Von Journalisten aber darf die geneigte Leser- und Hörerschaft noch immer etwas anderes erwarten. Aber ja doch: Die Zeiten haben sich längst geändert.

Menschliches Problem

Vor allem darf man nicht erwarten, dass derlei Beiträge der Realität entsprechen. Denn natürlich sind in Baden-Baden zwar einige reich und vielleicht auch sexy – aber Baden-Baden ist es nicht. Und es leben hier viel mehr Arme, als die geneigte Öffentlichkeit wahrzunehmen gewillt ist. Man sieht sie nur nicht – verschämte Armut. Ja, die Schwachen und Kranken und jene, die nicht mithalten können, haben es bei uns schwerer als anderswo. Und das ist nicht nur ein gesellschaftspolitisches, sondern auch ein menschliches Problem.

Ohne Geschichte ins Verderben

Im Übrigen: Man darf von diesen PR-Texten auch keine historische Kenntnis erwarten. Dass Baden-Baden heute nicht mehr darbt, hat eine Ursache: Das Festspielhaus war die Initialzündung für viele Investitionen. Erstaunlich, dass der Musentempel in beiden Texten mit keiner Silbe erwähnt wird. Aber nun gut – oder schlecht: hip, hipper, hipp, hipp, hurra – doch vergessen wir die Tradition nicht! Wir sind Kur- und Bäderstadt! Wer nicht weiß, wo seine Wurzeln sind, mag kurzfristig erfolgreich sein – auf lange Sicht führt mangelndes Geschichtsbewusstsein nur dahin: ins Verderben.