Liebe Leute,

morgens, nach dem ersten Kaffee, lese ich zwei Zeitungen, durchforste im Netz drei Nachrichten-Portale und – wenn ich in diesen Zeiten noch Kraft dazu habe: kurz zu Facebook. Drei Tendenzen sehe ich. 

Erstens: Not schafft Solidarität. Deshalb ist nicht wirklich überraschend: Manche singen, manche organisieren Nachbarschaftshilfe, manche nähen gemeinsam Schutzmasken – eine Welle von guten Taten rollt übers Land. Wie schön! Es ist Ausdruck der Erkenntnis: Nur gemeinsam geht’s. Aber wie sollte es anders sein: Egoisten und Schreihälse sind mitten unter uns. Doch wer Egoismus erkennen lässt, bekommt derzeit auch auf den digitalen Plattformen recht schnell und herb auf die Mütze… 

Das passt übrigens zu soziologischen Studien: Die große Mehrheit von uns wollte schon, als von Corona noch gar keine Rede war, mehr Miteinander. Interessant indessen: Die große Mehrheit dachte und denkt, die anderen wollen es nicht… 

Oft einfach nur Unsinn

Zweitens: Die für meine Begriffe viel zu häufigen Eilmeldungen, denen meist jegliche Einordnung fehlt, werden mindestens genauso eilig weiter verbreitet. Das ohnehin negativ geprägte Kuddelmuddel rund um Corona wird dadurch verstärkt. Das wird massiv befeuert von einigen Medienhäusern und Plattformen wie Facebook und YouTube: Zunehmend melden sich Kritiker des aktuellen Kurses der Bundesregierung und der wissenschaftlichen Berater – gar nicht selten ist’s einfach nur Unsinn. Wie wertvoll seriöse Medienhäuser, die (meisten) Zeitungen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk sind, erweist sich gerade in Krisen. Was dazu passt: Man sieht, wie wichtig Medienkompetenz wäre… 

Drittens: Sehnsucht nach Klarheit und Führung! Dazu passt: Derzeit beschreiben kluge Leute mögliche Zukunftsszenarien. Die eher zuversichtlich stimmenden Beiträge sind sehr beliebt. Sie stillen eine andere Sehnsucht – und zwar jene nach positiven Visionen. Verständlich in Zeiten, in denen eine schlechte Nachricht die andere jagt. Doch ob die Propheten recht behalten, ist nicht gewiss. Siehe etwa das katastrophale Bild namens Europa! 

Will jemand mehr Tote verantworten?

Und damit zu meinem ganz persönlichen (vorläufigen) Fazit: Unser Staat erweist sich nach sehr viel Zögern jetzt als handlungsfähig. Kluge, ja weltweit angesehene Wissenschaftler, darunter auch sehr sympathische, beraten auf dem Weg. Das ist – bei aller Dramatik und Trauer – beruhigend. Erste Überlegungen wachsen zudem, wie und wann der derzeitige Kurs der Abschottung und Eindämmung korrigiert werden muss oder kann. Bis dahin: konsequent bleiben. Das ist wirtschaftlich brutal, aber derzeit noch (!) schlicht alternativlos. Oder will jemand viel mehr Tote verantworten?

Deshalb – auch wenn es paradox klingt: Allein sein, daheim bleiben, soziale Distanz sind Zeichen der Solidarität, sind ein Beweis für Gemeinsinn. Rücksicht, Anstand, Hilfe, mithin das Miteinander sind die Basis fürs, nun ja: Überleben und mithin Überstehen der Corona-Pandemie. 

Miteinander statt Gegeneinander: ein ansteckend positives gesellschaftspolitisches Virus? Bitte ja. 

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Foto: Gerd Altmann from Pixabay