Liebe Leute,

ganz ehrlich: Mir wird so langsam angst und bange. Diese rechtsextremen, teils faschistischen Agitateure, die vereint mit Nationalisten und Populisten ihre Parolen unters Volk bringen, neuerdings auch noch verstärkt antisemitisch… Wohin man derzeit blickt… Ungarn, Tschechien, Italien, Frankreich, ja, auch in Deutschland. Nichts verstanden. Nichts gelernt. Nicht mehr zu erreichen? Ich fürchte: ja. 

Erinnern wir uns doch an die Präsidentschaftswahl in Frankreich: Haben wir nicht alle gezittert? Und wir werden bald wieder zittern. Und zwar im Mai. Dann wird das EU-Parlament gewählt. Und im Herbst folgen Thüringen und Sachsen…

Als Mensch, der sich fast schon zwangsläufig wegen seiner Profession mit Kommunikation beschäftigt, stimme ich zu: Die sozialen Medien haben die Zersplitterung liberaler Gesellschaften beschleunigt. Sie verbinden Gleichgesinnte – und fördern „neue“ Identitäten. Doch: „Identität kann zur Spaltung, aber auch zur Einigung genutzt werden.“ Darin sieht Francis Fukuyama, einer der weltweit bekanntesten Politikwissenschafter, das „Heilmittel für die populistische Politik der Gegenwart“. 

 

Wir nehmen nicht wahr

„Identität – wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet“: So lautet sein jüngstes Buch. Ohne Trump und Brexit wäre es nicht geschrieben worden, so Fukuyama. Er gesteht, verblüfft gewesen zu sein – wie wohl die meisten unter uns. Warum? Weil wir nicht wahrnehmen, was passiert ist. 

Was passiert ist, das diagnostiziert Fukuyama. Und natürlich sind die erwähnten „sozialen Medien“ nur ein Teil der Dilemmas. Fukuyamas Kern: Identität. Der Mensch sehnt sich nach Anerkennung. Bekommt er sie nicht, folgen Zorn oder Scham.

Viele Sündenböcke

Fukuyama lenkt den Blick auf Globalisierung und Digitalisierung – und mithin auf zunehmende Ungleichheit in den westlichen Demokratien sowie Entwurzelung: Es gibt nun mal die Verlierer. Diejenigen, die man nicht mehr braucht. Diejenigen, die nicht mehr mithalten können beim rasanten Wandel. Diejenigen, die allein gelassen wurden oder sich so fühlen. Und aus dieser (gefühlten oder tatsächlichen) Vernachlässigung wird schwups: Zorn, Frust, Wut. Auf wen? Auf die (vermeintlich) Schuldigen: Auf die Elite. Auf Ausländer. Auf Flüchtende. Auf Juden. Auf Liberale. Und die Nationalisten und Populisten verstehen es perfekt, diese „Schuldigen“ zu Sündenböcken zu machen.

Für Leitkultur

Fukuyamas Heilmittel: Bekenntnisnation! Solange es eine europäische Staatsbürgerschaft nicht gibt, müssten die einzelnen Staaten für Identitäten sorgen, für einen Konsens, wie wir leben wollen, für eine Leitkultur… Und Fukuyama empfiehlt, stärker auf Integration und Assimilation zu drängen und auch den politischen und politisierten Islam unmissverständlich in die Schranken zu weisen.

Zumindest die Debatte darüber sollte doch möglich sein. Genauso wie sozialpolitische Fragen einer Antwort harren. Womöglich geben die europäischen Wähler bald eine Antwort, die jedem Liberalen gar nicht gefällt: Es spricht sehr viel dafür, dass Nationalisten und Populisten (bisher rund ein Drittel) sehr stark wachsen… Ist es schon zu spät?