Welch’ Schauspiel hat die AfD am Wochenende geboten! Doch was darf, nein: muss die geneigte Leserschaft morgens in der Zeitung lesen? Die AfD sei jetzt „erwachsen geworden“ und habe ihre „innere Balance“ gefunden… 

Diese Partei ist weder erwachsen, falls das eine wichtige Kategorie sein sollte, noch hat sie eine „innere Balance“. Vielmehr geht, wer derlei Begriffe übernimmt, den Rechtsaußen auf den Leim. 

Bürgerlich, wählbar, gar regierungsfähig – das war die Botschaft, die vom Parteitag ausgehen sollte. Aber wer das glaubt, klebt schon fest am Leim – und am Schleim. 

Denn in Wahrheit sind die Gegensätze und Differenzen nicht ausgetragen worden. Die Sorge, der sogenannte „Flügel“ könnte die (gesamte) Macht an sich reißen, war beim (neuen) Ehrenvorsitzenden Gauland zu spüren: Bis zuletzt ließ er sich die Option für eine erneute Kandidatur fernab der „Ehre“ offen. 

„Flügel“ längst kein „Flügel“ mehr

Tatsächlich ist der rechtsradikale „Flügel“, massiv gestärkt durch den Osten, längst kein „Flügel“ (mehr). Das ist auch an den Ergebnissen der Vorstandswahlen auf dem Parteitag leicht abzulesen. Wer den „Flügel“ kritisiert, hat keine Chance.

Der Baden-Badener Stadtrat und EU-Abgeordnete Joachim Kuhs beispielsweise setzte sich – eingefädelt vom Co-Vorsitzenden Jörg Meuthen – mit gerade einmal 50,18 Prozent nur ganz knapp gegen eine „Flügel“-Kandidatin durch. Selbst dieser Schriftführer-Posten war umkämpft…

Auch der neue Vorsitzende Tino Chrupalla, der mit dem Nazi-Begriff „Umvolkung“ jongliert, schaffte es auf den rechten Thron nur durch Absprachen mit dem „Flügel“. Und natürlich sitzt selbst Alexander Kalbitz wieder im Gremium. Kalbitz  zählt zu den Vordenkern der Volksnationalisten – und ist strategisch klüger als Björn Höcke, der Liebling der Rechtsaußen: Man sagt meistens nicht mehr, was man eigentlich gerne sagen würde… 

Verfassungsschutz-Bericht online

Doch das Gesagte verschwindet so wenig wie das Beziehungsgeflecht, das sich rechts gebildet hat. Niemand, wahrlich niemand kann mehr sagen, man hätte es nicht wissen können! Wer es wissen will: Der 436 Seiten starke Bericht des Verfassungsschutzes zur AfD steht nach wie vor online – und zwar auf der Homepage des Blogs „netzpolitik.org“. 

Dort finden sich auch viele Zitate wie jenes: „Danach kommt nur noch: Helm auf!“ Deshalb tragen derzeit viele Rechte eine Art Tarnkappe, damit möglichst wenige merken, wes Geistes Kind sich darunter verbirgt. 

Das sollten Journalisten eigentlich erkennen – statt von einer „erwachsenen, professionalisierten Partei“ zu schwadronieren.