Liebe Leute,

Können wir Bahnhof? Nein, siehe Stuttgart. Können wir Tunnel? Nein, siehe Rastatt. Können wir Zug? Ähm…

Ich zähle wohl zu den wenigen Menschen, die sich an der verbreiteten Lästerei über die Bahn nicht ergötzen konnten – bis, ja bis ich vor exakt einer Woche nicht nach Wladiwostok fahren wollte, sondern nach Bad Honnef. Das liegt so ungefähr 307 Kilometer von hier. Also keine Weltreise.

Ich hatte 1. Klasse gebucht, wollte ein bisschen lesen und entspannt ankommen zu einer Tagung. Das klappte nur knapp. Denn schon in Mannheim (erstmaliges Umsteigen) mochte der Anschluss-ICE trotz der anderslautenden Ankündigung doch nicht warten… Nach zwei längeren Sprints über eine durchaus erhebliche Distanz in zwei Bahnhöfen mit einer gewissen Atemlosigkeit hatte ich mein noch erträgliches Pensum an sportlicher Betätigung bei der Ankunft auch erfüllt. Aber man ist ja Kummer gewohnt…

Die Heimfahrt: Der Bahnhof in Bad Honnef gleicht einem verlassenen Straflager. Verschlossen. Kein Café. Nichts. Aber ein Schild in rund drei Meter Höhe an der Außenwand: Pinkeln verboten.  Wo Mann es sonst tun soll? Vergiss es! Meine Regionalbahn kommt: 18.49 Uhr. Bei Ankunft in Koblenz steige ich frohgemut aus. Super: 19.40 Uhr. Acht Minuten Zeit bis zum IC nach Mannheim. Ähm, was lese ich? Zug fällt aus – technische Störung. Und nun? Was höre ich? Ich soll den Zug nach Nürnberg nehmen? Wie? Warum?

Ich frage einen freundlichen Bahnbediensteten. „Quatsch“, sagt er und befragt seine App, die aber „Mist ist“. Ich verstehe das: Die bahninterne Auskunft sagt ihm, dass der Zug, der ausfällt, fährt… Ist aber halt Quatsch. „Haben Sie ein iPhone?“, fragt er mich. Ja. „Dann machen Sie ein Foto“, sagt er und hält mir die Verbindung vor die Linse. Danke, sage ich – nicht ohne geduldig seine Klage über die Zustände bei der Bahn anzuhören. Er tut mir leid. Ich mir auch. Denn erst in mehr als zwei Stunden sollte es weitergehen…

In der Bahnhofshalle in Koblenz (kein Kaff) ist es kalt. Ich gehe zum Info-Zentrum. Geschlossen. Ich gehe zu einem Buchungsterminal, um mich selbst zu informieren: defekt. Das andere Terminal druckt nur etwas aus, wenn ich eine Fahrkarte kaufe. Habe ich aber schon. Ich friere. Es ist bitterkalt. Ich muss mal. Aaaah: superclean… Ein Euro wird fällig. Hä? Ich habe keinen Euro. Also kaufe ich zuerst Kaugummi. Das beruhigt. Ok, 50 Cent kann ich einlösen in ein paar Fressbuden. Sie gefallen mir aber nicht. Ich gehe woanders hin. Dort ist es auch kalt.

Doch ich habe eine überlebenswichtige Idee: Der Akku meines iPhones neigt sich dem Ende entgegen – und ich beschließe, die fotografierte Verbindung handschriftlich zu notieren. Ich bin stolz auf mich. Auch deshalb: Der Bahnhof leert sich zusehends – doch ich überlebe in der Kälte. Bravo. 

Nach mehr als zwei Stunden, 21.48 Uhr, mein Zug nach Frankfurt/Flughafen kommt pünktlich. Super. Ankunft dort: Achtung, die Wagenreihung ist verändert. Ok, klar, muss möglich sein. Warum auch nicht? Ich hetze ans andere Ende des Bahnsteigs. Nach weiterem Stopp in Karlsruhe komme ich in Baden-Oos an. Es ist 0.59 Uhr. Exakt sechs Stunden und zehn Minuten nach der Abfahrt. Ich bin stolz.

Und nach den vielen Gesprächen mit völlig frustrierten (und meist sehr traurigen!!) Zugbegleitern weiß ich: Ich habe überlebt – aber geirrt. Wir können Zug? Nein, auch das nicht.