Liebe Leute,

„Hände abhacken und raus.“ Dieser „Kommentar“ war in dieser Woche in einer lokalen Facebook-Gruppe zu lesen – unter einem Post zur Brandstiftung in der Asylbewerberunterkunft in Haueneberstein. Um es vorauszuschicken: Ich sehe keinen Anlass, den mutmaßlichen Brandstifter zu verteidigen. Indessen ist die „Debatte“ ein weiteres Beispiel für die Brutalisierung und Radikalisierung des sprachlichen Ausdrucks in den sogenannten sozialen Medien.

Diese Entgrenzung ist eine Gefahr. Denn Sprache macht etwas mit uns – psychisch und politisch. Die verbale Überschreitung von Grenzen, die im Miteinander und in der Kommunikation eine humanitäre Basis brauchen, gehört zwischenzeitlich längst zum gar nicht guten Ton. Das Schlimme: Es tut uns zwar nicht gut – aber wir gewöhnen uns daran… Und so verschieben sich die Grenzen – der Raum dessen, was früher als  unsagbar galt, wird ständig größer. Das Wort vom „Vogelschiss“ des verbalen Brandstifters einer gewissen „Alternative“ ist dafür auch nur ein weiteres Beispiel.

Immer fest drauf

So verrückt das erscheint, so „ver-rücken“ die Pfeiler einer menschlichen Gesellschaft peu à peu. Exakt das ist das Ziel jener Biedermänner und Brandstifter, die wissen, dass sie mit ihren bewussten Provokationen die Grenzen verschieben und damit den Raum erweitern. Doch es fällt auf, dass auch jene, die unverdächtig  sind, vielfach lieber mit dem Säbel hantieren als mit dem Degen. Oder anders formuliert: immer fest drauf, wenn jemand eine andere Meinung hat.

Es bräuchte eine neue Kultur

Im vollendeten Konjunktiv: Es bräuchte eine neue Kultur des Zuhörens. Ja, es bräuchte eine neue Kultur der Debatte. Und es bräuchte eine neue Kultur der Werte, die Orientierung böten. Leider findet das Nachdenken darüber meist nur im Feuilleton von Qualitätsmedien, die indessen fast durchweg immer weniger Leser haben, statt – und der Rest heischt nach Aufmerksamkeit mit reißerischem und oft viel zu schnell Geschriebenem. Und das setzt sich fort in nicht minder eilig geschriebenen Fitzelchen im Netz. Wie dabei so etwas wie Konsens in einer zunehmend fragmentierten, also zersplitterten, brüchigen Gesellschaft entstehen soll, ist mir zunehmend schleierhaft.

Aber: Seien wir mutig! Jeder an seinem Platz. Das tut auch gut.