Liebe Leute,

haben wir zuletzt einmal über Werte gesprochen? Über Werte in dieser Gesellschaft? 

Zugegeben: Diese zwei Fragen lesen sich ein wenig provozierend. Doch im Kern halte ich eine Besinnung auf das, was die Gesellschaft, was dieses Land, was uns zusammenhält, für dringend geboten, ja überfällig.

Anlass für diese Bemerkung sind die Szenen, die uns aus Chemnitz erreichen. Denn ich glaube nicht, dass es sinnvoll, sachgerecht und ausreichend ist, lediglich Empörung über Nazis und Rechtsradikale kundzutun. Nötig ist neben dem unzweideutigen Einschreiten des Rechtsstaats und einer klarer Haltung der Zivilgesellschaft eine neue Verständigung – über Werte.

Fast wie im Krieg

Darüber wurde jedenfalls lange, zu lange nicht geredet. Und die  holzschnittartige, digital getriebene und gehetzte Art der Auseinandersetzung ist dem Nachdenken und Zuhören alles andere als dienlich. Man differenziert nicht mehr. Man schlägt verbal zu – gerade so, als gelte es, einen Krieg zu gewinnen. Und wenn man die Szenen in Chemnitz, die einem Bürgerkrieg sehr nahekommen, sieht, kann man sich schon fürchten…

Es ist jedenfalls viel verrutscht in diesem Land – wie im Übrigen anderswo auch. Wut und Hass brechen sich Bahn auf offener Straße. Und wer meint, das Denken und Fühlen, das derlei auslöst, sei rein ostdeutsch – der irrt. Im Westen, auch hier bei uns, brodelt es. Nein, ich hege keinerlei Sympathie für Menschen, die brüllend gegen Ausländer oder „das System“ zu Felde ziehen. Aber man wird sich mit den Ursachen beschäftigen müssen.

Humanismus lehren

Und dazu zählt eben viel mehr als die Flüchtlingsthematik. Dazu zählt, dass soziale Unsicherheit verstärkt um sich greift. Stichwort Rente. Stichwort Pflege. Stichwort Wohnungsnot. Stichwort Armut. Dazu zählt ferner der rasante Wandel in der Gesellschaft. Stichwort Digitalisierung. Dazu zählen Kommunikationsstrukturen. Stichwort „soziale“ Medien, die spalten statt einen. Und dazu zählt, dass dumpfbackige Figuren – ob rechtspopulistisch oder rechtsradikal geprägt – den Nährboden für Wut und Hass auch noch verbal düngen.

Vor diesem Hintergrund gilt es, endlich wieder etwas zu bedenken, das aus der Mode gekommen ist: Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen – nicht die Wirtschaft oder Strukturen oder Systeme. „D a s“ ist in einer humanistischen Gesellschaft „d e r“ Wert an sich, von dem sich andere Werte ableiten. Gleichwohl eben nicht nur Werte, die wir als unsere Rechte schätzen – wie etwa Freiheit. Sondern eben auch Pflichten – wie etwa Verantwortung. Das, was Humanismus im Kern bedeutet, nämlich Würde, Respekt, Toleranz, muss wieder (verstärkt) gelehrt werden. Dazu zählt auch, dass Zusammenhalt und Miteinander gefördert werden müssen.

Jedenfalls muss die Debatte darüber raus aus dem Feuilleton der Gazetten des gebildeten und liberalen Bürgertums – und hinein in die Schulen, in Vereine und Verbände, an den Stammtisch genauso wie (endlich wieder) in die Politik. Und zwar fernab von Sonntagsreden. Denn Chemnitz kann morgen anderswo sein…