Liebe Leute,

wir älteren und alten Leute haben im Hinblick auf den Jahreswechsel einen glasklaren Vorteil gegenüber den Jüngeren und Jungen. Wir wissen, wie es geht. Wir wissen, was nicht geht. Und vor allem: Wir wissen auch warum. Einen Teil dieses Erfahrungsschatzes möchte ich heute weitergeben. Der Text richtet sich also (nur) an Junge und Jüngere, die ich gar nicht kenne – deshalb fortan wieder 3. Person Plural („Sie“). Übrigens: Auf die Scheine für mich warte ich immer noch – hat nicht geklappt bisher. Trotzdem:

Lassen Sie das mit diesen Vorsätzen: Spätestens an Tag 2 im neuen Jahr fühlen sich diese Ideen an wie aus grauer Vorzeit stammend. Sport? Draußen? Kalt. Regen. Prost!

Wenn Sie bei einer Silvesterparty eingeladen sind: Nehmen Sie eine Doppelpackung Erfrischungstücher mit. Um 24 Uhr werden Sie von wildfremden Menschen umarmt (und geküsst)!

Wenn Sie bei einer Silvesterparty eingeladen sind, bereiten Sie sich für gewisse intellektuelle Gespräche über den Sinn des Lebens und die Zukunft in 2019 vor. Erfahrungsgemäß gut kommt beim Gegenüber an: „Mögest Du viele wunderbare Kostbarkeiten im neuen Jahr entdecken dürfen.“ Wiederholen Sie diesen Satz notfalls mehrfach. 

Wenn Sie bei einer Silvesterparty eingeladen sind und der/die Gastgeber*in zu einer persönlichen Vorstellungsrunde auffordert mit Worten über den Sinn des Lebens und die Zukunft in 2019: Gehen Sie sofort heim – oder checken Sie rasend schnell die Runde. Wenn Sie Klarheit haben, gibt es mehrere Varianten. Bei einem eher intellektuellen, ökologischen, linken Kreis sagen Sie: „Ich wünsche mir und allen hier Teilnehmenden mehr Zeit zum Träumen, zum Nachdenken, zum Lachen, zum Leben und Lieben.“ Variante 2 ist völlig neutral-ungefährlich, passt aber besonders bei Pädagogen, Sozialpädagogen und Psychologen: „Das neue Jahr sieht mich freundlich an, und ich lasse das alte mit seinem Sonnenschein und dem Regen ruhig hinter mir.“ Wenn Sie viele Krawatten und kurze Schwarze sehen: „Sehr geehrte Damen und Herren, es freut mich immer noch sehr, dass wir Sie im vergangenen Jahr erstmals in unsere geschäftlichen Beziehungen einbinden konnten. Wir hoffen, dass wir die Beziehung in diesem Jahr weiter ausbauen können und wünschen Ihnen alles Gute für die kommenden 12 Monate!“ Wenn Ihnen aber sch…egal ist, was alle denken (beste Variante): „Rosa Schweine und grüner Klee, das ist wahr, ich wünsche allen ein gutes neues Jahr!“ 

Wenn Sie bei einer Silvesterparty eingeladen sind und einem Menschen gegenüber sitzen, von dem Sie meinen, nein, von dem Sie sicher sind, dass er/sie einen Bandscheibenvorfall im Hirn hat: Schütten Sie ihm/ihr ganz unabsichtlich das Glas Rotwein auf Rock oder Hose. Bingo. Hat sich erledigt. Der Abend wird doch noch nett.

Wenn Sie sich in einem Kreis von Öko-Spezialisten befinden und sich schämen, dass Sie die Tüte mit den Knallern und Raketen mitgebracht haben: Man muss halt wissen, wohin man geht. Pech. Aber: Das Zeug’s knallt nächstes Jahr auch noch.

Wenn Sie nicht wissen, ob goutiert wird, dass Sie die Welt mit dem größten und tollsten Feuerwerk ever erfreuen wollen: Lassen Sie die Tüten auf der Ladefläche Ihres Transporters. Entscheiden Sie situativ und personalbezogen. Sie sind ein Feigling! Aber nun gut. Sie wollen ja überleben. Variante „Nicht-so-ganz-großer-Feigling“: Verlassen Sie die Party um 23 Uhr, gehen Sie in die zweite Nebenstraße – und ab geht die Post. Aber seien Sie pünktlich um Mitternacht zurück! Lassen Sie sich eine (gute) Ausrede einfallen, warum Sie so dermaßen nach Schießpulver stinken! 

Wenn Sie im Kreis der Lieben und Unlieben ständig auf die Uhr gucken und darüber nachdenken, warum Himmel nochmal die Zeit nicht vergeht: normal! Es liegt nicht an Ihnen. Verkrampfen Sie nicht. Bleiben Sie locker! Reden Sie einfach dummes Zeug – machen ja alle.

Wenn Sie im Kreis der Lieben und Unlieben ständig Ihnen unbekannte Spiele spielen müssen (die Zeit muss ja möglichst ohne Tote irgendwie rumgehen): Sie verstehen die Regeln nicht? Oh je. Bei  einem Würfelspiel: Trinken Sie Grappa oder Topinambur immer bei 1, 2, 3, 4, 5 oder 6. Kein Würfelspiel? Sagen Sie, dass Ihnen plötzlich übel ist und legen Sie sich ein bisschen hin (puuuuh). Die Welt mag keine Verlierer. 

Wenn Sie bei der Party plötzlich einen besonderen Menschen ganz arg liebreizend finden und mit diesem Menschen am liebsten sofort nach Hause gingen und… : … macht man/frau nicht. DAS kann jeder. Echte Intimität ist aber nicht körperlich. Es ist vielmehr eine Form von spiritueller Verbindung. Ergründen Sie also wenigstens bis Mitternacht die Seele des (der) Anderen. Danach… – na gut. Wenn Sie meinen! (Warnung: Weltschmerz bleibt!)

Wenn sich beim Bleigießen eine Figur oder ein Tier bildet, das Ihnen nicht gefällt, aber alle meinen, dass das genau Sie sind: Jetzt ist körperliche Gewalt angemessen (aggressiver Typ). Bringen Sie sich nicht um (nachdenklicher Typ). Für alle anderen: Es ist doch nur Blei, menno.