Liebe Leute,

weil Ihr irgendwie zu meinen Freunden zählt (ich mag meine Leserinnen und Leser), kenne ich Euch. Ich weiß, nur so als  Beispiel, dass Ihr dem Weihnachtsfest ganz gelassen entgegenseht. Ich weiß ferner, dass Ihr bei der Abwicklung des Heiligen Abends eine tiefe Routine entwickelt habt und Euch mithin nichts, aber auch gar nichts mehr erschüttern kann. Für alle anderen – weshalb ich fortan wieder in die 3. Person Plural wechsle („Sie“) – habe ich erneut ein paar wertvolle Hinweise. Vorab: Dieser so überaus unschätzbar wertvolle Text ist eher etwas für Männer. Und: Ich persönlich (!) habe nichts dagegen, wenn man mir ein paar Scheine zukommen lässt. Es ist ja Weihnachten – und ich bin auch nur ein Mensch. Also:

Wenn Sie den Christbaumständer auch nach stundenlanger Suche nicht gefunden haben: Trinken Sie den ersten Grappa oder Topinambur! Fragen Sie auf keinen Fall Ihre Frau, wo sie das Teil mal wieder im vergangenen Jahr absichtlich versteckt hat! Bleiben Sie ruhig! Sie werden das Teil finden!

Wenn Sie den in Ihren Augen wunderschön gewachsenen Christbaum aufgestellt haben und deshalb schon etwas selig gestimmt sind, es aber von Frau und Kindern Kritik an Form („Die Spitze ist krumm“) und Aufstellungspraxis („Der steht krumm“) hagelt: wahlweise Grappa oder Topinambur. Sie können aber auch ein Bier einstreuen. Vielleicht besser. Der Tag ist ja noch lang!

Wenn Sie beim (sehr eiligen) Mittagstisch mit der kontroversen Debatte über den Ablauf des Heiligen Abends konfrontiert sind: Sagen Sie nicht „Wir machen es wie immer“! Sie haben damit keine Chance. Denn Sie wissen schlicht nicht, wie es „immer“ war. Sie täuschen sich! Merken Sie sich das für den gesamten Tag – und die Nacht!

Wenn Oma und Opa um 15.30 Uhr plötzlich zu Kaffee und Kuchen vor der Tür stehen (sie waren für 18 Uhr geladen) und bleiben wollen: Benehmen Sie sich! Sie werden auch mal alt! Unterdrücken Sie jegliche Anwandlungen von körperlicher Gewalt. Es ist Weihnachten!

Wenn die Debatte über den Ablauf des Heiligen Abends erneut aufflammt (Oma: „Das war doch immer anders“): Grappa oder Topinambur. Schweigen Sie! 

Wenn Sie kurz vor dem Höhepunkt des Heiligen Abends (Geschenke!) ein oder mehrere Ostereier am Baum hängen sehen: Nein, Sie sind noch nicht betrunken. Das (!) war Ihre Tochter. Reine Protesthaltung. Geht vorbei (Geschenke!). 

Wenn Sie von Ihrer Frau kurz vor dem Abendessen darauf hingewiesen werden, dass das Besteck nicht maßgenau ordentlich neben den Tellern liegt: Bitten Sie um Anweisungen! Delegieren Sie die Aufgabe nicht an Ihre Kinder. Es könnte ihren Kindern für immer das Weihnachtsfest versauen!

Wenn Sie die blöde Weihnachts-CD nicht finden: Nehmen Sie alle Schuld auf sich! Je nach Gästen: Legen Sie Helene Fischer oder AC/DC ein. Seien Sie wenigstens einmal selbstbewusst. Tut gut!

Wenn Sie das geschwinde Auspacken der Geschenke unterm Weihnachtsbaum verfolgen und den Eindruck haben, dass die mit viel Liebe gewählten Teile nicht so richtig ankommen… : Nehmen Sie die heimlich hinter Ihrem Sessel postierte Weinflasche und genehmigen Sie sich einen Schluck. 

Wenn es nach dem Abendessen politisch wird und sich die Sache mit Kindheitserinnerungen und der schönen alten Zeit vermischt (Onkel Heinz: „Früher war das noch anders“): Öffnen Sie Flasche II, nehmen Sie ausreichend Grappa oder Tobinambur zu sich – alles wird gut!

Wenn Sie spätabends oder nachts dann ermattet im Bett oder gar im Christbaum liegen und (noch) denken (können) und sich gar fragen, ob das denn immer so sein muss…: Es muss! Ist bei Nachbars auch nicht anders. Und: Noch 365 Tage bis Weihnachten. Alles ist gut!