Liebe Leute,

ich weiß natürlich nicht, wie es Euch so geht. Ich selbst ringe derzeit häufig mit all’ dem, was mir in den Kopf schießt – angesichts dieser Fluten an Fakten, Fakes, Info-Schnipseln und Meinungen, Meinungen, Meinungen zu Corona. Und ich habe deshalb ziemlich viel Verständnis für jene, die sagen oder schreiben: Ich ziehe mich jetzt zurück. Ich lese nichts mehr. Ich…

Ziemlich kluge Leute haben uns ja längst kategorisiert – in Flüchtende, in Kämpfer, in Leidende, in… Nun ja, das mag manchen Orientierung geben: Aha, anderen geht’s genauso. So bin ich also… Ich selbst halte es mit dem Titel des Erstlingswerks von Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja wieviele?

Daraus wiederum könnte eine Haltung folgen, die mir in Zeiten der Krise als durchaus sinnvoll und hilfreich erscheint: wertvoll zu finden, dass trotz aller Schubladen jeder Mensch etwas Besonderes ist. Hautfarbe, Nationalität, Religion – egal. Das Virus trifft uns alle – irgendwann und irgendwie. Wegrennen ist nicht möglich und gar sinnlos. Aber Haltung, Anstand, Respekt – das! Mir scheint, dass es genau daran mangelt.  

Einfach überfordert

Und damit zur Kommunikation in dieser außergewöhnlichen Situation: Wer, wie so manch’ Politiker, ständig sagt, dass es keinen Grund zur Panik gebe, sorgt bei vielen Menschen für genau das – nämlich Panik oder Angst. Jene wird massiv verstärkt durch die derzeit dramatische Flut von (schlechten) Nachrichten. 

Das überfordert! Furchtbar viel Meinung, furchtbar viele Eilmeldungen, furchtbar viele Zahlen – und zu wenig Einordnung und mithin Orientierung für die Menschen. Nur ein Beispiel unter möglichen vielen: Länderübergreifende Statistiken über die Anzahl von Infizierten und Toten sind so wertlos wie ein Füller ohne Tinte. Warum? Wer sucht, der findet. Wer mehr testet, der findet mehr.

Zwischen Stakkato und Tremolo

Doch nicht nur in Redaktionsstuben mangelt es mitunter sehr an – sagen wir mal: Besinnung aufs Wesentliche. Das Online-Stakkato geht einher mit einem Tremolo in den vermeintlich sozialen Medien. Menschen mutieren in geradezu exponentieller Geschwindigkeit zu Virologen und Seuchenexperten…

Ja, es war schon immer so: Stunden, ja Tage der Krise und der Ungewissheiten sind die Zeiten der Besserwisser – unterteilt in Vorherwisser und Nachherwisser und Schonimmerwisser. Sie behelligen die Menschen mit teils aberwitzigen Theorien, vermeintlich fundierten Studien und eben auch Meinungen, Meinungen, Meinungen… – während selbst ein renommierter Virologe wie Christian Drosten ab und an einräumt: Ich kann das jetzt noch nicht beurteilen, aber ich mache mich schlau. 

Wir haben es in der Hand

Doch, so Drosten schon vor einigen Wochen ganz grundsätzlich: Es wird schlimm. Das mögen klügere Leute als ich beurteilen. Was ich aber verstehe: Wir alle haben es in der Hand, einen kleinen Beitrag zu leisten – damit es (vielleicht) weniger schlimm wird. Mindestens Distanz halten. Jeder und jede an seinem oder ihrem Platz – wenn’s sein muss, dann daheim. Denn so wird es kommen.

Vernunft und Verstand mögen uns auch dann leiten, wenn’s im Herzen tobt und wogt. Und wenn es nicht so abgegriffen wäre, ließe sich die Kanzlerin zitieren: Wir schaffen das. Mit mehr Gemeinsinn beispielsweise – und eben Haltung, Anstand und Respekt. 

In diesem Sinne: Dank an jene, die den Laden am Laufen halten.