Liebe Leute,

„mir ist zum Kotzen.“ Das hat Theo Sommer, immerhin viele Jahre Chefredakteur und Herausgeber der „Zeit“, in dieser Woche in seiner wöchentlichen Kolumne kundgetan. Und er verwies auf einen FAZ-Kollegen, der per Twitter meinte: „Macht den Laden dicht, ihr Deppen.“ 

Wahrscheinlich sprechen beide vielen Menschen aus dem Herzen. Doch ich habe gehörige Zweifel, dass derlei Töne in Tenor und Diktion geboten sind. Immerhin: Theo Sommer entschuldigt sich ganz am Schluss seines Beitrags. „Viel Affekt, wenig Analyse? Ich bitte um Nachsicht. Nächste Woche wieder anders.“ 

Nun stimmt ja in der Tat: Ob man nach Chemnitz, nach Berlin oder in den Hambacher Wald oder (noch schlimmer) nach Washington blickt – vom Kopfschütteln wird man müde. Soviel Fassungslosigkeit war selten. Es scheint, als geriete so ziemlich alles aus den Fugen. Und ganz offensichtlich ringen auch jene, deren Aufgabe die professionelle Kommunikation und Publizistik ist, nach Worten – und wählen Worte, die dem (vermeintlichen) Chaos eine hässliche Krone aufsetzen. 

Besonnenheit statt Emotion

Mich beschleicht dabei ein zunehmend ungutes Gefühl. Denn: Wenn Politik versagt und selbst die Großen und Größen der publizistischen Zunft ihrem Bauch so großen Raum geben und ihren Gefühlen freien Lauf lassen – wen wundert’s noch, dass der rationale Diskurs in dieser sich immer stärker ausformenden Häppchen-Emotionalisierungskultur unter die Räder gerät? Zuhören? Miteinander reden? Iwo. Immer feste druff… – bei Facebook und Co. Und längst auch anderswo.

Ja, unbenommen ist: Wir leben in einer Art Zeitenwende. Globalisierung, Digitalisierung, zudem Migration – Unsicherheiten allüberall. Auch bei uns zerbröseln Strukturen, gesellschaftliche genauso wie in der Parteienlandschaft. Siehe Bayern. Siehe Berlin.

Umso mehr braucht es Besonnenheit statt Emotion. Es braucht klares, unzweideutiges Handeln, orientiert an humanitären, demokratischen Prinzipien. Alles andere spielt den Rechtsaußen, ob radikal oder extremistisch, nur in die schmutzigen Hände, die sie sich jetzt schon freudig reiben.

Vielleicht darf in Zeiten der Zeitenwende an Kant erinnert werden: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Ja.